Friday, January 13, 2006

Essay

Fragestellung: Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?


Franz Boas wird als der Begründer der Kulturanthropologie in den USA gesehen. Er stand den evolutionistischen Ansätzen kritisch gegenüber und entwickelte aus seiner Abneigung zu diesen neue Thesen. Weitere wichtige Vertreterinnen des Kulturrelativismus und Schülerinnen Boas sind Margret Mead und Ruth Fulton Benedict.

Franz Boas
Franz Boas wurde 1858 in Minden als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er studierte zu erst an der Universität Heidelberg und dann an der Universität in Bonn Mathematik und Physik. Seinen Doktor in Physik machte er an der Universität in Kiel im Jahr 1881.
Im Jahre 1883 begab sich Boas auf Feldforschung zu den Baffin Island um dort eine geographische Forschung durchzuführen: der Einfluss der physikalischen Umwelt auf die einheimische Migration. Während seines Aufenthalts auf den Baffin Island entdeckte er sein Interesse zu nicht-westlichen Kulturen.
Durch seine Arbeit an dem Royal Ethnological Museum konzentrierte er sich speziell auf die Native Americans im pazifischen Nordwesten. Er wollte für voraussichtlich drei Monate nach British Columbia reisen, dort angekommen entschied er sich dann in den USA zu bleiben.

Nach der Baffin Island Expedition schrieb Boas das Buch „The Principles of Ethnological Classification“, worin er die These aufstellte, dass
„Ethnological phenomena are the result of the physical and psychical character of men, and of its development under the influence of the surroundings…’Surroundings’ are the physical conditions of the country, and the sociological phenomena, i.e., the relation of man to man. Furthermore, the study of the present sourroundings is insufficient: the history of the people, the influence of the regions through which it has passed on its migrations, and the people with whom it came into contact, must be considered.”(www.en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, Zugriff am 11.01.2006)

Boas war immer ein starker Gegner des physischen, sozialen und kulturellen Evolutionismus. Diese Kritik war Mittelpunkt seiner Arbeit in Museen so wie in der four field Anthropologie. Daraus schlossen viele, dass Boas ein Gegner der Theorien Darwins war. Was sich als falsche Auffassung herausstellte, denn Boas stimmte im Grunde der Theorie Darwins zu, jedoch war er der Meinung, dass man diese nicht auf kulturelle und historische Phänomene umlegen kann.
Die four field Anthropologie besteht aus der physischen Anthropologie, der Linguistik, der Archäologie und der kulturellen Anthropologie. Sein Hauptziel war es die Anthropologie neu, durch die Integration der verschiedenen Objekte der anthropologischen Forschung in ein allumfassendes Objekt, zu definieren. Boas leistete in allen vier Feldern wichtige Beiträge.

In seinem 1907 erschienen Essay „Anthropologie“ wirft er zwei grundlegende Fragen die sich Anthropologen stellen sollten auf: „Weshalb sind die Stämme und Nationen der Welt verschieden und wie haben sich die gegenwärtigen Differenzen entwickelt?“
Diese Fragen führten zu einem Umbruch in den zu derzeit aktuellen Vorstellungen über die menschliche Verschiedenheit, welche besagten, dass nur die Menschen eine Geschichte haben, die diese auch aufgeschrieben haben, somit sind also Menschen ohne Schrift auch ohne Geschichte. Boas argumentierte, dass schriftlose Gesellschaften sowie schriftenreiche Gesellschaften gleichermaßen analysiert werden sollten. Die Aufgabe des Feldforschers ist es also Texte in schriftenlosen Gesellschaften zu sammeln. Was sich in der Aufzeichnung von Mythen, Volksmärchen, Glauben über soziale Beziehungen und Institutionen bis hin zu Kochrezepten auswirkte.

In seinem Buch „The Mind of Primitive Man“ stellt Boas fest, dass in jeder Bevölkerungsgruppe Biologie, Sprache, materielle und symbolische Kultur unabhängig voneinander sind. Alle diese Faktoren sind gleichermaßen wichtige Größen der menschlichen Natur, doch keine davon ist zurückführbar auf die andere. Kultur ist also nicht abhängig von anderen unabhängigen Variablen.

In Boas Denkmuster wird die Verschiedenheit der Kulturen und das sehen von Kulturen als Kontext erlernten menschlichen Verhaltens dargestellt. Diese Auffassung von Kultur wird Kulturrelativismus genannt. Wichtig dabei ist es die Kultur mit ihren eigenen Begriffen, aus sich heraus, und ihren eigenen historischen Kontext zu verstehen. Der starke Kulturrelativismus sieht Kulturen als unvereinbar, sie können nicht miteinander verglichen werden.
„Der Kulturrelativismus betont den Pluralismus der Kulturen und postuliert, daß Kulturen nicht verglichen oder aus dem Blickwinkel einer anderen Kultur bewertet werden können.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturrelativismus, Zugriff am 13.02.2006)

Unter den Schülern Boas gab es große Differenzen. So stellte Kroeber in seiner Publikation „The Superorganic“ die These auf, dass das kulturelle Phänomen absolut unabhängig vom organischen sei, welches die Biologie, Psychologie und das Individuum umfasst. Er sah die Kultur als eine höhere Ebene an, die sich von den anderen „niedrigeren“ Ebenen abhebt.
Sapir hingegen war der Meinung, dass der Ursprung der Kultur sich im Individuum befindet.

Sapir ist unter den Anthropologen am meisten durch die Sapir-Whorf Hypothese bekannt. Zusammen mit Whorf behauptete er, das die semantischen Strukturen verschiedener Sprachen im Grunde unvergleichbar sind, und dass diese die Wahrnehmung und die Klassifizierung der erlebten Welt formen. Diese linguistischen Strukturen wurden von ihnen als Grund für verschieden Weltauffassungen gesehen.

Margret Meads erste Feldforschung führte sie nach Samoa. Boas gab ihr dabei das Forschungsthema vor: die relative Beanspruchbarkeit der biologischer Pubertät und kulturelle Muster der Jugend. Boas erhoffte sich aus dieser Feldforschung die in Frage Stellung der generellen Annahme in den USA, dass die Jungendzeit unvermeidbar stressvoll auf Grund biologischer, hormoneller Gegebenheiten sei. Mead erhoffte sich zumindest einen gegenteiligen Fall, um zu widerlegen was als allgemeingültig angesehen wurde.
Diese Studie eröffnete der Anthropologie einige neue Nischen, wie dem Interesse in den pazifischen Raum und die Pubertät sowie die Geschlechterrolle.
Mead kam zu dem Schluss, dass die Pubertät für die Mädchen in Samoa keineswegs aufreibend sei, da die kulturellen Muster sich sehr von denen in den USA unterscheiden. Ihre Forschungsergebnisse wurden 1928 in „Coming of Age in Samoa“ publiziert.

Ruth Fulton Benedict untersucht und beschreibt in ihrem Buch “Patterns of Culture” (1934), drei verschiedene Völker: die Zunis, die Kwakiutl und die Dobuans. Die Zunis führen ein friedvolles, geordnetes Leben. Die Kwakiutl sind leidenschaftlich und der Kampf steht im Vordergrund und die Dobuans sind hinterhältig und der Verrat wird bei ihnen hoch angesehen.
Benedict kam dabei also zu der Auffassung, dass der Begriff Normalität nicht in allen Kulturen gleich definiert wird. Was in der einen Kultur als normal angesehen wird kann in einer andern als abnormal gesehen werden. Kulturen beinhalten also eine begrenzte Anzahl von Mustern, welches das Fühlen und Denken ihrer Mitglieder beeinflusst.

Boas und seine Schüler haben die amerikanische Anthropologie zu ihrer Zeit stark beeinflusst und manch ihrer Thesen sind bis heute noch aktuell. Trotz und vielleicht auch gerade wegen aller Kritik an ihnen kann von ihren Denkansätzen profitiert werden.


Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas, Zugriff am 12.01.06


http://www.loc.gov/exhibits/mead/field-samoa.html, Zugriff am 13.01.2006

http://ksakathrin.blogspot.com/2005/12/referat-franz-boas-margaret-mead-ruth.html, Zugriff am 13.01.2006

Sydel/Silverman. One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology. Chicago 2005, University of Chicago Press. Seite 259 – 269

Thursday, November 24, 2005

Essay

Welche Hauptfragen und –anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliff-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaft einbrachten.

B. Malinowski und A. R. Radcliff-Brown gelten als die Gründerväter des Funktionalismus, der sich im Allgemeinen mit der Frage nach der Funktion eines Phänomens in der Gegenwart befasst und dabei gezielt die geschichtlichen Hintergründe außer Acht lässt.
Malinowski galt als großer Empiriker, Radcliff-Brown hingegen befasste sich mehr mit der Theorie, was wahrscheinlich auch auf seine Schwierigkeiten im Auftreten in der Feldforschung zurückzuführen ist.

Bronislaw Malinowski (1884-1922)
Malinowski wurde in Krakau geboren und wuchs dort während der Donaumonarchie auf. 1908 machte er seinen Abschluss an der Jagiellonen Universität in Krakau in Mathematik, Physik und Philosophie und studierte dann Anthropologie an der London School of Economics unter C. G. Seligman und E. Westermarck.

Seine wohl wichtigste Einbringung in der Methode der Anthropologie ist die, der Feldforschung als teilnehmende Beobachtung. Darunter versteht man, sich in den Alltag der zu erforschenden Gesellschaft zu integrieren, wobei es wichtig ist die jeweilige Sprache zu erlernen und sich lange genug vor Ort aufzuhalten.
Malinowskis bekannteste teilnehmende Beobachtung fand 1914 auf den Trobriand Inseln statt. Er reiste dorthin mit einem Pass der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn und wurde, als der 1. Weltkrieg ausbrach, zum Feind ernannt. So wurde aus seiner geplanten 1-jährigen Feldforschung aufgrund des „Hausarrests“ auf den Inseln eine 3-jährige Feldforschung.
Sein wichtigstes Werk über die Feldforschung auf den Trobriand Inseln ist „Argonauts of the Western Pacific“ (1922) in dem er zuerst auf die Methode der Feldforschung eingeht. In weiteren Kapiteln beschreibt er die geographische Lage der Inseln und den Kula Tausch. Beim Kula werden Güter mit dem Ziel der Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen ausgetauscht. In seinem Schlussteil erläutert er noch die Funktion und den Sinn von Kula für die Trobriander, dabei legt er wert darauf, es aus der Sicht der Trobriander zu erklären und dabei keinen eurozentrischen Stil anzunehmen. Wobei er auch auf die Wichtigkeit der Ethnologie anspricht die Toleranz von fremden Bräuchen zu fördern und aufzuklären welches die Zwecke dieser Bräuche sind.

In Malinowskis Theorie des Funktionalismus haben alle Teile einer lokalen Kultur eine wichtige Aufgabe im Funktionieren aller anderen Teile einer lokalen Kultur. Die verschiedenen Bereiche einer Kultur beeinflussen sich also gegenseitig und sind in gewisser Weise voneinander abhängig.
Kaberry formuliert die Theorie Malinowskis von Funktion allgemein in 3 Stufen. „Funktion“ benennt den Effekt einer Institution auf andere Institutionen, also die Beziehung zwischen sozialen Institutionen. Die zweite Stufe verlangt das Verstehen einer Institution in Kategorien die von den Mitgliedern der Gemeinschaft definiert sind. Die dritte Stufe beinhaltet, wie die Institutionen den sozialen Zusammenhalt fördern.

Wenn es um kinship studies geht, ist Malinowski der Ansicht, dass das Beobachten der emotionalen und ökonomisch primären Beziehungen zwischen Mitgliedern der Familie involviert sein muss, um einen erfolgreichen Ansatz zu erarbeiten.
Weniger Erfolg fand seine Theorie der 7 Grundbedürfnisse und die entsprechende kulturelle Reaktion darauf. Darin versucht er zu erklären, dass die Grundbedürfnisse eine Reaktion erfordern um diese zu befriedigen, zum Beispiel: die kulturelle Reaktion auf das Grundbedürfnis Gesundheit ist die Hygiene.

Nicht nur durch das Einbringen der teilnehmenden Beobachtung in die Anthropologie wurde er zur Legende sondern auch durch seine bekannten Seminare an der London School of Economics, in denen er immer wieder Problemstellungen aufwarf und ein Forum gründete wo Anthropologen auf einfallsreiche und abenteuerliche Art und Weise die „neue“ Anthropologie formen konnten.


A. R. Radcliff-Brown (1881-1955)
Radcliff-Brown wurde in Birmingham geboren und schloss sein Studium 1904 in Cambridge in Psychologie und Ökonomie ab. Während seiner Jugendzeit war er aktiver Anarchist, beeinflusst durch den Schriftsteller Peter Kroptkin, und wurde daher von seinen KollegInnen auch „Anarchy Brown“ genannt.
Nach seinem Studium reiste er auf die Andamanen (1906-1908) und nach Westaustralien (1911-1912) um dort Feldforschung zu betreiben. In seinem Buch „The Andaman Islanders“ (1922/1948) beschreibt er die Rituale der Inselbewohner in Bezug auf ihre soziale Funktionen und ihr Wert für die Gesellschaft. Hierbei lässt er das Individuum außer Acht. Er befasst sich mit der Fragestellung „why the Andamanese think and act in certain ways. The explanation of each single custom is provided by showing what is its relation to the other customs of the Andamanese and to their general system of ideas and sentiments“ (Barth et al: 2005: 24)
Die Andamanen hat er als Feldforschung aus einem evolutionistischen Kriterium ausgesucht, da es hieß, dass die Andamanen die primitivste und elementarste Stufe des Lebens darstellen. Radcliff-Brown beherrschte die Sprache der Andamanen nicht, daher sammelte er die Daten hauptsächlich durch einen Hindi sprechenden Dolmetscher.
Aus seiner zweiten Feldforschung in Westaustralien entstand sein Werk „A Natural Science of Society“, welches zuerst hauptsächlich als Lektüre an der Universität in Chicago diente. Hier befasste er sich unter anderem mit der Theorie einer einzigen vereinheitlichten Gesellschaftswissenschaft. Dies versucht er in 5 Thesen darzustellen. In der ersten These bezieht er sich darauf, dass eine theoretische Naturwissenschaft der menschlichen Gesellschaft möglich ist. Die zweite These besagt, dass es nur eine solche Wissenschaft geben kann, diese Wissenschaft existiert noch nicht außer in ihren elementarsten Anfängen, so Radcliff-Brown in der dritten These. In der vierten These meint er, dass für eine Lösung von fundamentalen Problemen nur ein systematischer Vergleich von mehren Wissenschaften hilfreich ist. Daher ist die Entwicklung dieser Wissenschaft abhängig von der schrittweisen Verbesserung der Vergleichenden Methode.
In seinem Werk „Structure and Function in Primitive Society“ (1952) wird erklärt, wie die Aboriginies in Australien die Welt klassifizieren und vor allem wie sie die Leute als ein Mitglied einer sozialen Gemeinschaft einteilen. Es wird ein Totem ausgesucht, das schon in den Ritualen wichtig ist. Ist ein Totem erst einmal gewählt worden, werden dieses und die Solidarität der Gruppe zum Mittelpunkt.

Der Strukturfunktionalismus Radcliff-Browns befasst sich im Grunde mit der Frage ob und wie Menschen ohne Herrschaft und ohne Staat leben können. Er baut auf dem Gesellschaftsvertrag von Jean-Jaques Rousseau auf und kommt dadurch auf sein Gleichgewichtsmodell, eine staatenlose Selbstregulierung nicht industrialisierter Gesellschaften. Eine Gesellschaft besteht aus „gleichberechtigten“ Segmenten, die sich gegenseitig beeinflussen und sich im Gleichgewicht halten. Daraus entsteht ein Strang neuer Ideen die zur „Segmentären Theorie“ führen.

Den Begriff „social structure“ wird von Radcliff-Brown für die aktuelle Feldforschung, also das, was der Anthropologe während der Forschung wahrnimmt benutzt. „Strucutral form“ hingegen verwendet er für die Verallgemeinerung einer bestimmten Gesellschaft auf der Basis der Informationen die er von den verschiedenen Individuen der Gesellschaft erhalten hat.
Radcliff-Brown erhofft sich, dass in einem späteren Stadium der Feldforschung durch Vergleich der strukturellen Formen verschiedener Gesellschaften allgemein gültige Gesetze erstellt werden wie Gesellschaften funktionieren.

Im Großen und Ganzen sah Radcliff-Brown in dem Konzept der „Funktion“ die Bedeutung den Blick der Frage nach der Herkunft und Geschichte abzuwenden und ihn auf die Frage nach der Struktur und Beziehung zu richten.

Abschließend kann gesagt werden, dass beide, Malinowski und Radcliff-Brown, einen wichtigen Beitrag zum heutigen Stand der Anthropologie geleistet haben, auch wenn nicht alle ihrer Thesen auf fruchtbaren Boden gestoßen sind. Sie haben sich wohl in der Hinsicht der verschieden Schwerpunkte auf Theorie oder Methode sehr gut ergänzt und so können wir heute dankbar ihre Ansätze übernehmen und das Beste daraus machen.


Quellen:

One Discipline, Four Ways, Britisch, German, French and American Anthropology.: Fredrik Barth, Britain and the Commonwealth

History and Theory in Anthropology.: Alan Barnard, 2000 University of Edinburgh

http://www.wikipedia.at/